Wie ein jüdisches Kind aus Krefeld den Holocaust überlebte

v.l. Daniel Smolenaers, Anke Drießen-Seeger, Dr. Ruth Frank, Dietmar Bongardt. Foto: Gerda Schnell
v.l. Daniel Smolenaers, Anke Drießen-Seeger, Dr. Ruth Frank, Dietmar Bongardt

So still war es noch nie auf einer Versammlung der SPD Krefeld-Mitte. Gebannt und sichtlich ergriffen lauschten die Mitglieder im fast schon überfüllten Josef-Hellenbrock-Haus den Ausführungen ihres besonderen Gastes.

Frau Dr. Ruth Frank, 1933 in der Seidenstadt als Tochter eines jüdischen Vaters und einer "arischen" Mutter geboren, schilderte in ruhigen Worten und ganz ohne Bitternis, wie sie ihre Kindheit im nationalsozialistischen Krefeld erlebt hat und wem zu danken ist, dass sie den Holocaust überleben konnte.

Die Familie wohnte auf der Malmedy-Straße, das ist die heutige Lewerentzstraße, also mitten in der Innenstadt. Schon bald nach ihrer Einschulung musste Ruth Frank auf eine rein jüdische Grundschule (Hubertusstraße 68) wechseln, aber auch die wurde 1942 geschlossen, denn ab jetzt war es im ganzen Deutschen Reich untersagt, Juden zu unterrichten.

Die deutlich älteren drei Geschwister hatten mit Hilfe niederländischer Verwandter noch vor dem Krieg nach Kenia flüchten können. Neun weitere Familienangehörige der Familie von Ruth Frank wurden in Konzentrationslagern ermordet. Einigen von ihnen wäre die Flucht in ein sicheres Land möglich gewesen, aber sie mochten ihre Heimat nicht verlassen. Ruths Vater, Textilkaufmann von Beruf, starb an den Folgen schwerer Zwangsarbeit und weil ihm jede ärztliche Versorgung versagt blieb: Es war in dieser Zeit verboten, Juden zu behandeln.

Nach dem Tod ihres Mannes bat die evangelische Mutter einen Pfarrer, er möge ihr Nesthäkchen taufen, denn sie glaubte, damit könne sie das Mädchen schützen. Dieser Pfarrer hatte jedoch nur die eine Sorge, die kleine Ruth könne sich – und ihn – womöglich durch "jüdisches" Aussehen verraten. Darauf vertraute sich die Mutter einem katholischen Kaplan an, der ohne zu zögern beide, Mutter und Tochter, in einer Kapelle des Waisenhauses auf der Philadelphiastraße taufte und ihnen das Sakrament der Ersten Heiligen Kommunion erteilte. Bei diesem Priester durften sie auch längere Zeit wohnen. Als die Lage immer bedrohlicher wurde, brachte er die kleine Ruth zu seinen Verwandten in der Eifel, wo sie bis zum Kriegsende versteckt worden ist.

Ruth Franks Schilderung, wie glücklich sie war, als sie nach Kriegsende wieder in ihr geliebtes Krefeld zurückkehren und endlich zur Schule gehen durfte, ging ihren Zuhörern sichtlich zu Herzen.

Im Januar 1947 gelang es den älteren Geschwistern, Ruth und ihre Mutter nach Kenia nachkommen zu lassen. Dort machte Ruth Frank Abitur und ging dann zum Studium nach England. Sie wurde Anästhesie-Ärztin, heiratete einen Engländer und bekam einen Sohn, der mit seiner Familie auf der Insel Guernsey lebt. Nach 50 Jahren in England kehrte Ruth Frank 1998 zurück in ihre Heimatstadt Krefeld, nach der sie sich in der Fremde immer gesehnt hatte. Ihre Mutter war bereits 1954 wieder nach Hause zurückgekehrt.

Mit Sorge beobachtet Frau Dr. Frank das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa. Auch deshalb arbeitet sie ehrenamtlich in der Villa Merländer mit, die vor knapp 20 Jahren, als Krefeld eine rot-grüne Mehrheit hatte, NS-Dokumentations-Zentrum und "Stätte gegen das Vergessen" wurde.

Ortsvereinsvorsitzende Anke Drießen-Seeger sowie ihre beiden Stellvertreter Dietmar Bongardt und Daniel Smolenaers bedankten sich bei Frau Dr. Ruth Frank mit einem großen Blumenstrauß.

Im Krefelder Jahrbuch "Die Heimat", Jahrgang 80 (2009), hat Frau Dr. Frank ihre Lebensgeschichte veröffentlicht.