Abschalten statt abwarten!

Uli Hahnen MdL und Bernd Scheelen MdB
v.l. Uli Hahnen MdL, Hans Butzen, David Nowak, Christoph Aretz, Bernd Scheelen MdB
Bürgermeister Frank Meyer bei seiner Ansprache
Bürgermeister Frank Meyer bei seiner Ansprache

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Krefelderinnen und Krefelder,
liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter für den Ausstieg aus der Atomenergie!

Als ich im Fernsehen die Bilder aus Japan sah, die Bilder von Zerstörung und Flüchtlingen, da war ich, wie wohl jeder von Ihnen, geschockt. Besonders ist mir das Bild eines Kindes in Erinnerung, das vor einem Mann im Strahlenschutzanzug steht, der das Kind mit einem Messgerät untersucht, während das Kind mit erhobenen Händen vor ihm steht. Dieses und andere Bilder haben mich in meine Jugend zurückversetzt! Ich war 13 oder 14 Jahre alt, als ich das Buch „Die Wolke“ las und so eine erste Idee davon entwickelte, was es bedeuten könnte, wenn es zu solch einem schweren Reaktorunglück kommt. Ich las von der 14jährigen Janna-Berta, die in der Schule sitzt, als plötzlich der Atomalarm ausbricht. Die Eltern sind nicht in der Stadt und die 14jährige muss sich mit dem kleinen Bruder Uli alleine auf die Flucht machen. Es entwickelt sich eine schreckliche Geschichte von der Flucht und dem Tod des Bruders bis hin zu dem Punkt, wo Janna alleine und kahlköpfig die atomare Katastrophe überlebt und doch am Anfang der menschlichen und der gesellschaftlichen Tragödie steht. So entstanden meine ersten Vorstellungen einer solchen Katastrophe und die Bilder holen mich, wie viele andere meiner Generation, in diesen Tagen ein.

Das, womit wir in diesen Tagen konfrontiert werden ist, aber kein Roman, keine erdachte Geschichte, sondern unvorstellbare Realität. Vor acht Tagen – am 11. März – trat etwas ein, was eigentlich nicht hätte eintreten dürfen. Die einzelnen Wahrscheinlichkeiten für ein Erdbeben der Stärke 9,0, meterhohe Tsunami-Wellen, zahlreiche Nachbeben und dadurch ausgelöste Brände und Zerstörungen sind äußert gering. Statistisch praktisch unmöglich ist es, dass dies alles an einem einzigen Tag passiert. Doch es ist geschehen und es könnte wieder geschehen. Nun sagen viele, Japan sei nicht Deutschland und die Erdbebengefahr oder die Tsunami-Bedrohung sei nicht vergleichbar. Ja, sie haben recht. Aber gibt es hier bei uns nicht andere Gefahren? Und kennen wir überhaupt alle Gefahren? Niemand weiß es wirklich.

Was bleibt ist das Restrisiko. Restrisiko! Was gestern noch ein Synonym für die statistische Nahezu-Ausgeschlossenheit war, ist heute Symbolbegriff dafür, dass die Grenzen des menschlichen Ermessens zu eng sind, um die Menschen vor den Folgen der Atomkatastrophe zu schützen. Restrisiko – das ist immer viel zu viel Risiko, wenn wir über eine Technologie reden, die uns alle töten kann, falls der Risikofall eintritt. In Japan ist das Restrisiko zur Realität geworden. Die Katastrophe hat einer bisher noch nicht genau abschätzbaren Zahl von Menschen das Leben gekostet, Dörfer, ganze Städte zerstört und Landstriche verwüstete. Und schließlich waren ein Brand und ein Stromausfall Auslöser für eine der größten atomaren Katastrophen der Technologiegeschichte. Ein atomarer Super-GAU, wie es ihn bereits vor 25 schon einmal gegeben hat. Ein Super-GAU, wie er auch in Deutschland passieren kann. Denn auch wir haben Atomreaktoren, die eben nur mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sicher sind. Wenn überhaupt! In den heute laufenden 17 deutschen AKW kam es bis 2009 zu über 4.000! meldepflichtigen Ereignissen, also alle zweieinhalb Tage ein Vorfall, der meldepflichtig ist. Und mit steigendem Alter der Kraftwerke steigt die Anfälligkeit.

Da ist es kein Wunder, dass die Menschen sich Sorgen machen. Da ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen in Deutschland und auch in Krefeld eine Abkehr von dieser Energiequelle fordern und da ist es kein Wunder, dass immer Menschen in unserer Demokratie ihre Meinung laut und immer lauter dazu sagen. Es spricht für unsere Gesellschaft und es spricht für Krefeld, dass wir, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht darauf warten, was andere entscheiden. Nein, wir äußern uns. Wir wollen gehört werden. Vor dem Hintergrund der Sicherheitslage und der deutlichen Meinung der Menschen in unserem Land ist es alternativlos, sofort in den Ausstieg einzusteigen. Abschalten statt Abwarten ist die Botschaft! Bei so tödlichen Folgen von Fehlern reicht mir eine wahrscheinliche Sicherheit nicht aus. Es ist auch nahezu unmöglich, dass man im Lotto gewinnt, aber trotzdem passiert es irgendwem fast jeden Samstag.

Abschalten statt Abwarten!
– Die ältesten Atomkraftwerke müssen schnellstmöglich und endgültig abgeschaltet werden!
– Die Laufzeitverlängerung muss zurückgenommen werden!
– Die Energiewende hin zu regenerativen Energien muss massiv beschleunigt werden!

Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement. Mein besonderer Dank gilt Peter Lommes, der die ersten Aktionen in diesen Tagen spontan koordiniert hat. Ich wünsche uns eine erfolgreiche Kundgebung und hoffe, dass wir gehört werden und dazu beitragen, dass Deutschland den Weg in eine sichere und atomfreie Zukunft nimmt.

Und dies schrieb die Rheinische Post Krefeld am 21. März 2011:

"Anti-Atomkraft-Demo
Hunderte zogen durch die Krefelder Innenstadt

Mehrere Hundert Krefelder – darunter Politiker der SPD, der Grünen, der Linken und der DKP (mit Organisator Peter Lommes) sowie Vertreter des DGB und der Aktion "attack" – beteiligten sich am Samstag an der Demonstration gegen Atomkraftwerke. Die rote japanische Sonne über dem Kühlturm eines AKW war auf einem markanten Transparent zu sehen. "Atomkraftwerke ausschalten. Erneuerbare einschalten" oder "Große Geschäfte – todsicher!" stand auf Schildern geschrieben. SPD-MdB und Parteivorsitzender Bernd Scheelen trug mit seinem Parteifreund Uli Hahnen (MdL) ein Transparent "Es reicht. Atomausstieg jetzt!" Vom Bahnhofsvorplatz zog die Menge über Ostwall und Marktstraße zum Platz an der Alten Kirche zu einer Kundgebung, bevor es zurück zum Bahnhof ging."