Auf den Spuren der textilen Vergangenheit der Seidenstadt

Start am Seidenweber-Denkmal "Meister Ponzelaer"
Start am Seidenweber-Denkmal "Meister Ponzelaer"
Am Puppen-Brunnen, in der Mitte (mit Weste) Günter Göbels
Am Puppen-Brunnen mit beweglichen Figuren aus der Stadtgeschichte, in der Mitte (mit Weste) Günter Göbels

Wieder mal ins Schwarze getroffen hatte die SPD Krefeld-Mitte, als sie einen Stadtspaziergang "Auf textilen Spuren" in ihr diesjähriges Sommerferienprogramm aufgenommen hat. An die 30 interessierte Bürger scharten sich am 31. Juli um Günter Göbels, den ehrenamtlichen und äußerst versierten Mitarbeiter des Hauses der Seidenkultur, sowie um Halide Özkurt-Atmaca, Wolfgang Günther und Anke Drießen-Seeger vom Vorstand des Ortsvereins.

Man traf sich am Seidenweber-Denkmal "Meister Ponzelaer" auf dem Südwall / Ecke Ostwall. Dieses klassische Arbeiter-Denkmal hat die Krefelder SPD schon vor Jahrzehnten zu ihrem Wahrzeichen erkoren.

Nach der Begrüßung durch Wolfgang Günther begann ein spannender, allerdings auch etwas anstrengender knapp zweistündiger "Spaziergang" durch die Innenstadt, souverän, kenntnisreich und kurzweilig geführt von Günter Göbels, dem ehemaligen Patroneur, der solche und ähnliche Rundgänge im Auftrag des Hauses der Seidenkultur schon seit vielen Jahren durchführt.

Keine Straße, keine Ecke, keine Häuserreihe, keine Skulptur, wo Göbels nicht einen Bezug zur textilen Vergangenheit der Seidenstadt herzustellen vermochte. In vielen Fällen konnte er Bilder oder Stoffproben zu seinen Erzählungen präsentieren.

Der Rundgang endete am Synagogen-Denkmal an der Marktstraße. Hier überreichte Wolfgang Günther dem engagierten Bewahrer der Stadtgeschichte unter dem Beifall der Teilnehmer zum Dank einen Büchergutschein.

Gabriele M. Knoll von der Westdeutschen Zeitung Krefeld nahm ebenfalls an diesem Rundgang teil und hat sich eifrig Notizen gemacht. Bereits am 1. August, dem Tag nach der Führung, konnte man ihren Artikel online lesen. Den möchten wir Ihnen / Euch nicht vorenthalten:

Stadtführung: Auf den textilen Spuren des Seidenwebers Meister Ponzelaer

Von Gabriele M. Knoll

Günter Göbels informiert unterhaltsam über die wirtschaftliche Vergangenheit

Krefeld. Für Günter Göbels, den Patroneur im Ruhestand, ist es gar keine Frage, dass sich Krefeld als Samt- und Seidenstadt auch auf Ortsschildern präsentieren dürfte. "Obwohl Goethe schon lange tot ist, nennt sich Weimar trotzdem berechtigt die Goethestadt!"

Wie sehr die Textilproduktion mit ihren vielen, heute unbekannten Facetten die Stadt prägte, macht er auf seiner Stadttour höchst lebendig. Da konnte die Krefelder SPD für diesen Punkt in ihrem Sommerferienprogramm kaum einen kompetenteren Herrn finden.

Bei Meister Ponzelaer trafen sich am Dienstagnachmittag rund 30 Interessierte, um sich unterhaltsam in die Wirtschaftsgeschichte einführen zu lassen. Der rote Faden des Stadtspaziergangs ist zunächst noch aus Wolle oder Leinen gesponnen. Beim stadtbekannten Denkmal des Meisters Ponzelaer an der Ecke Südwall/Ostwall ist der Rohstoff edler geworden, denn die Epoche der Seidenweberei hat begonnen.

Der Seidenbaron stellt dem Heimweber das Material

Da ein Heimweber das kostbare Material nicht vorfinanzieren konnte, erhielt er vom Seidenbaron den Kettbaum mit Kettfäden aus Seide und aus gleichem Material die Spulen für den Schuss. Zuhause wurde aus den Fäden der edle Stoff gewebt und dann auf dem Kettbaum aufgewickelt abgeliefert und abgerechnet.

Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse unterschieden sich damals deutlich, erklärt Göbels: "Ein Arbeiter vor 200 Jahren war schon zufrieden, wenn er keinen Hunger hatte" – seine bei der Heimarbeit mithelfenden Familienangehörigen inklusive.

Auf dem südlichen Teil des Westwalls zählt er eine eindrucksvolle Menge an Hausnummern auf, die im 19. Jahrhundert jeweils mit einer Weberei verbunden waren. 1859 waren es 154 in der gesamten Stadt: "Früher war es hier viel lauter durch das Klappern der Webstühle als heute durch den Straßenverkehr."

Nicht nur die Webereien prägten die Geräuschkulisse und die Textilwirtschaft zwischen den Wällen, auch die technischen Ateliers gehörten beispielsweise dazu. Hier arbeiteten die Männer, die wichtige Vorarbeiten für die Weberei leisteten. Die Musterzeichner entwarfen die Webmuster, die Patroneure setzten die Entwürfe in fadengerechte Zeichnungen um, und die Kartenschläger machten daraus die Lochkarten, die an den Webstühlen dafür sorgten, dass daraus feinste Seidenbilder entstanden.

Krawatte mit 115 Seidenfäden auf einen Zentimeter für ein Muster

Mit welcher Feinheit hier gearbeitet wurde, belegt Göbels schon an seiner Seidenkrawatte, bei der auf einen Zentimeter 115 Seidenfäden kommen und ein Paradiesmuster mit Adlern und Schwänen darstellen.

Immer wieder macht er deutlich, wie sehr die Seidenweberei in der Stadt Krefeld vertreten war, selbst bis in die touristischen Souvenirs: "In Krefeld wurden Stadtansichten nicht gemalt, sondern aus Seide gewebt!" und lässt Beispiele zum Bestaunen durch die Gruppe wandern.

Als Belege für die Krefelder Textilgeschichte dienen ihm auch Straßennamen. Und er deutet an, dass man auch auf dem Friedhof erfolgreich auf Spurensuche zur Samt- und Seidenweberei gehen kann. Im Oktober, bei der nächsten Führung, wird er es beweisen.

(Krefelder Textilgeschichte auf dem Alten Friedhof Führung am 20. Oktober um 15 Uhr, Alter Friedhof, Eingang Martinstraße, Anmeldung bei der VHS erforderlich unter Telefon 86 26 64 oder vhs@nullkrefeld.de)